Große Erwartungen und ein holpriger Start

Die Ankündigung von MindsEye sorgte zunächst für enorme Aufmerksamkeit. Hinter dem Projekt stand Build A Rocket Boy, gegründet von Leslie Benzies, einem früheren Produzenten der GTA-Reihe. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an das Spiel, das von vielen als möglicher neuer Open-World-Rivale wahrgenommen wurde. Nach dem Release wich die anfängliche Euphorie jedoch schnell Ernüchterung.

Mindseye
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Warum MindsEye die Erwartungen so deutlich verfehlte, beleuchtet nun eine investigative Reportage des YouTube-Kanals Decode. Verantwortlich für die Recherche sind der freie Journalist Sebastian Tyzak, bekannt durch frühere Entwicklungsberichte bei Game Two, sowie Martin Dietrich. Grundlage bilden Gespräche mit mehreren an der Entwicklung beteiligten Personen. Decode weist darauf hin, dass die Aussagen subjektive Wahrnehmungen widerspiegeln und nicht in allen Punkten unabhängig überprüft werden konnten.

Crunch, Kontrollzwang und fehlende klare Vision

Laut dem Report sprach Decode mit insgesamt sieben ehemaligen oder aktuellen Mitarbeitenden von Build A Rocket Boy. Übereinstimmend schildern sie eine Entwicklung, die von überzogenen Ambitionen und häufig wechselnden Vorgaben geprägt gewesen sei. Bis kurz vor Veröffentlichung habe intern Unklarheit darüber geherrscht, welche Art von Spiel MindsEye eigentlich werden sollte.

Besonders häufig erwähnt werden sogenannte Leslie-Tickets. Dabei handelte es sich um kurzfristige Aufgaben oder Richtungsänderungen, die direkt von der Studioleitung ausgingen und bestehende Planungen wiederholt über den Haufen warfen. Parallel berichten die Gesprächspartner von verpflichtenden Crunch-Phasen und einer hohen Arbeitsbelastung. Kritische Stimmen innerhalb des Teams seien laut Report nicht gern gesehen gewesen.

Auch konkrete Designentscheidungen sorgten intern für Unmut. Mehrere Minispiele, darunter ungewöhnliche Nebenmissionen, seien trotz deutlicher Kritik aus dem Team im Spiel verblieben. Zusätzlich wurde die Handlung mehrfach umgeschrieben. Ein ursprünglich für einen späteren DLC geplanter Free-Roam-Modus landete kurzfristig im Hauptspiel, verschwand jedoch kurz nach Release wieder per Patch.

Everywhere, Krypto-Pläne und ein zweites Großprojekt

Ein zentraler Punkt der Recherche betrifft das Parallelprojekt Everywhere. Interne Dokumente, auf die sich Decode beruft, zeigen, dass Build A Rocket Boy zeitweise an einer plattformähnlichen Spieleumgebung arbeitete. Diese sollte Funktionen aus bekannten Online-Ökosystemen vereinen und langfristig als eigene Distributions- und Kreativplattform dienen.

Ursprünglich war Everywhere als Bestandteil von MindsEye gedacht, entwickelte sich ab Mitte 2022 jedoch zu einem eigenständigen Schwerpunkt. Zwischenzeitlich gab es laut Report auch Überlegungen zu NFT-, Blockchain- und Pay-to-Earn-Mechaniken. Diese Ideen stießen intern wie extern auf Ablehnung und wurden später wieder verworfen.

Nach einer wenig beachteten Testphase verlagerte das Studio den Fokus erneut zurück auf MindsEye. Mehrere Quellen gehen inzwischen davon aus, dass Everywhere eingestellt wurde. Der Decode-Report zeichnet damit das Bild eines Studios, das sich mit zu vielen parallelen Visionen übernahm – mit spürbaren Folgen für das finale Spiel.

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